
Am 23. Oktober findet zum letzten Mal nach über 100 Jahren ein Linienflug von Graz nach Wien statt. Dafür werden die Verbindungen nach Frankfurt, München und Zürich gestärkt. Grazer Airport-Chef Jürgen Löschnigg stellt klar: „Das Ende der Wien-Flüge können wir nicht schönreden.“
Ein Warnsignal für den Luftfahrtstandort Österreich
Die angekündigte Einstellung der Flüge zwischen dem Flughafen Graz und Wien ist weit mehr als der Verlust einer einzelnen Strecke. Sie ist ein weiteres, sehr deutliches Warnsignal für den Luftfahrtstandort Österreich.
Während der Luftverkehr in weiten Teilen Europas und vor allem außerhalb Europas wächst, verliert Österreich kontinuierlich Flugverbindungen und Kapazitäten. Der Luftverkehr verschwindet jedoch nicht – er verlagert sich schlicht in jene Länder, in denen Fluggesellschaften wettbewerbsfähigere steuerliche und regulatorische Rahmenbedingungen vorfinden.

Die aktuelle Situation betrifft daher nicht nur den Flughafen Graz und den Flughafen Wien. Sie bekräftigt vielmehr die grundsätzliche Frage, wie Österreich seine internationale Erreichbarkeit und die langfristige Wettbewerbsfähigkeit von Wirtschaft und Tourismus sichern kann.
Infrastruktur als entscheidender Standortfaktor
Eine leistungsfähige Luftverkehrsinfrastruktur und eine zuverlässige Anbindung von Regionen an den internationalen Luftverkehr ist ein wesentlicher Standortfaktor. Verschlechtert sich die Luftverkehrsanbindung, gehen unweigerlich Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung verloren.
Die vom Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie angekündigten Entlastungsmaßnahmen für die Luftfahrtbranche sind zwar ein erster Schritt und ein positives Signal. Sie werden aber nicht ausreichen, um den Luftfahrtstandort Österreich nachhaltig zu stärken.
Erforderlich ist eine umfassende und koordinierte Standortstrategie, die die Wettbewerbsfähigkeit des österreichischen Luftverkehrs nachhaltig verbessert.
Dazu gehört insbesondere die Abschaffung oder zumindest eine deutliche Senkung der nationalen Flugabgabe. Nur so können faire Wettbewerbsbedingungen im europäischen Vergleich geschaffen, bestehende Flugverbindungen gesichert und neue Strecken gewonnen werden.
Bahn vs. Flugzeug: Kein Malheur für Punkt-zu-Punkt-Reisende
Die Einstellung der Flüge nach Wien vom Flughafen Graz ist für rein privat und beruflich Reisende auf dieser Strecke kein großes Malheur. Die reine Flugzeit von Graz nach Wien ist zwar kurz (ca. 35 bis 40 Minuten). Durch die Anreise zum Flughafen, Sicherheitskontrollen und das Boarding ist die Gesamtreisezeit per Flugzeug jedoch oft länger als die direkte Zugfahrt.
Der Zeitvergleich Flughafen Graz – Flughafen Wien im Detail:
- Die Flugreise: Der reine Nonstop-Flug dauert nur etwa 35 bis 38 Minuten. Rechnet man jedoch die Anreise zum Flughafen Graz, den Check-in und die Sicherheitskontrollen (mindestens 45–60 Minuten vor Abflug), das Boarding sowie die Weiterreise vom Flughafen Wien-Schwechat ins Wiener Stadtzentrum (ca. 15–20 Minuten mit dem Zug) hinzu, ergibt sich eine Gesamtreisezeit von mindestens 2 bis 2,5 Stunden.
- Die Bahnverbindung: Die schnellste Direktverbindung der ÖBB zwischen Graz Hauptbahnhof und Wien Hauptbahnhof benötigt derzeit ca. 2 Stunden und 26 Minuten. Eine Fahrt hin und zurück dauert somit knapp 5 Stunden. Erst nach der geplanten Fertigstellung des Semmering-Basistunnels wird die Fahrzeit auf unter zwei Stunden sinken.
Der Verlust der wichtigen Zubringerfunktion
Ein großer Teil der Passagiere nutzte den Flug ab dem Flughafen Graz nach Wien bisher als Zubringer für internationale Weiterflüge ab dem Drehkreuz Wien. Für reine Punkt-zu-Punkt-Reisen zwischen den beiden Städten war das Flugzeug kaum wirtschaftlich oder zeitlich sinnvoll.
Genau hier liegt das Problem, wie der Dachverband der Österreichischen Luftfahrtindustrie (AI Austria) betont: „Flugverbindungen gehen oft innerhalb kurzer Zeit verloren – sie wieder zurückzugewinnen dauert viele Jahre.“
Der Dachverband Aviation Industry Austria ist die größte Interessensvertretung der österreichischen Luftfahrt. Die Organisation bündelt die Interessen der Luftfahrtindustrie wie etwa Flughäfen, Airlines, die Luftfahrtzulieferindustrie sowie die Business Aviation und vertritt derzeit direkt oder indirekt rund 100 Mitgliedunternehmen.
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